Stadtamhof (Lomo)

(Aquí porei algúns textos meus en alemán que vaian saíndo)

Hier werde ich manche Texte auf Deutsch von mir hochladen. Sie wurden entweder direkt auf die deutsche Sprache erschaffen oder von dem Original auf galicischem Sprache übersetzt. Deutsch ist nicht meine Muttersprache, so hoffentlich gibt es nicht viele Schreibfehler, und wenn ja, dass ihr, liebe Leser, ein bisschen Verstand habt.


Der Schreiber

(Version auf Deutsch von einem Original auf Galicisch, hier zu lesen)

„Was willst du?“, fragte mich der Alte. Seine Figur war in der Dunkelheit seines Hauses kaum sichtbar.

Das kleine Dorf lag ganz unten im Tal, immer bei Nebel und Regen, und der Weg Hügel hinauf zu diesem einsamen Haus war schwer. Trotzdem stiegen viele Dörfler noch zu ihm. Was wollte ich von ihm, mit meinem regennassen Mantel und meinen schlammdreckigen Stiefeln vor seiner Tür? Ich wünschte mir dasselbe, dass alle von ihm verlangten. Ich wollte nur, dass er für mich etwas schreibt.

Der Alte war Schreiber, und seine Kunst war in der Gegend berühmt. Er schrieb Liebesbriefe, Nachrichte für die Auswanderer, sowie Erklärungen, Testamente oder Ausrufe für die Feste. Er veranstaltete gute Texte, die genauso passend für den Auftraggeber wie für den Empfänger waren. Sein Schreibstil war genau und mit etwas Verzierung, aber nicht zu viel, immer direkt zur Sache. Wie seine Handschrift: leicht, hübsch, aber schlicht und lesbar.

Aber er war schon alt. Die wenige Jungen, die im Dorf blieben, konnten schon lesen und schreiben. Und die Ältere brauchten keinen Liebesbrief oder andere Art von Schreiben mehr.

„Ich möchte einen Brief. Einen Liebesbrief“, antwortete ich.

„Das mache ich nimmer“, sagte er, lakonisch.

Trotz ihrer negativen Antwort öffnete der Schreiber seine Tür und lief herein. Das war eine Einladung dafür, dass ich hereingehen durfte.

Etwas danach saßen wir um den Tisch seiner armen Küche. Wir beide tranken einen heißen, bitteren, schwarzen Kaffee. Er fragte mich:

„Kannst du deine Briefe nicht selber schreiben? So dämlich siehst du nicht aus“.

„Ich bin kein Dichter, aber ja, ich kann schon schreiben. Allerdings ist das anders. Die Sache muss perfekt sein, das ist für mich lebenswichtig. Und zum Thema Briefe zu schreiben, Ihr Ruhm ist unvergleichbar“.

Mit solchem Geschmeichel konnte ich ihn nicht besänftigen, und auch nicht ein minimales Interesse bei ihm für meinen Fall aufwecken. Er schluckte den Kaffee und erklärte:

„Das mache ich nimmer. Jetzt schreibe ich ausschließlich Allerletzte Noten“

„Meinen Sie Testamente?“, fragte ich, neugierig.

„Nein. Abschiedsnoten“.

„Abschiede, von denen, die auswandern?“

„Besser gesagt, von denen, die in Jenseits auswandern. Abschiede von diesem Leben, für diejenige adressiert, die hier bleiben“.

„Selbstmordnotizen, denn?“, fragte ich überrascht. Jedes Jahr brachte sich ein paar Dörfler um, mit oder ohne eine Notiz hinterlassen zu haben. Harte Zeiten. Der Alte verweigerte mit seinem Kopf.

„Nicht unbedingt“, erklärte der Schreiber weiter, „aber gelegentlich. Man verabschiedet sich, wenn er fühlt, dass die Zeit wegzugehen ist, egal ob wegen Krankheit, Selbstmord, Todesurteil oder einfach, weil man das irgendwie so ahnt. Beim Schreiben ist die Todesursache unwichtig“.

Ich insistierte und versuchte meinen Fall zu erklären: meine Geliebte wieder zu kriegen. Seine Antwort, stur, „Das mache ich nimmer“. Nach eine Weile bedankte ich mich für den Kaffee und ging nach Hause, machtlos.

Danach versuchte ich den Brief selber zu schreiben, aber ich gab auf. Zu viel zu sagen, aber zu wenig Talent, das zu schaffen. Das würde ich allein nie erreichen. Ich warf die Papiere ins Feuer.

Ein paar Tage später tauchte ich wieder beim Schreiber auf, bereit zu flehen und ihm mein ganzes Geld anzubieten. Stattdessen sagte ich ihm:

„Ich will eine Allerletzte Note. Für mich selbst“.

Er schaute tief ein paar Sekunden in meine Augen und dann erlaubte er mich, hereinzugehen. Der Alte kochte Kaffee und fragte mich, was auf dieser Note stehen sollte, welche Geschäfte bei mir nicht abgeschlossen waren, welche Sachen erledigt werden mussten. Ich antwortete, so gut wie ich konnte. Eine Weile später verabschiedete er sich von mir bis zum nächsten Tag. Er hatte genug, das Schreiben durchzuführen.

Als ich zurück war, gab er mir das Dokument gefaltet in einem geöffneten, ungeschriebenen Umschlag und ich bezahlte ihm dafür, ohne das geöffnet zu haben. Er fragte mich noch, zu wen der Umschlag adressiert werden musste. „Zu niemandem bestimmt“, antwortete ich. Ich zuckte meine Achseln und ging weg hinunter nach Hause. Der Alte erinnerte mir:

„Vergiss auch nicht zu unterschreiben“.

Zu Hause dachte ich an der Seile und wie ich die an die Balken hängen sollte. Mein Plan war fertig. Ich nahm die Flasche Schnaps und schluckte dreimal. Das war nicht, um mich zu ermutigen, es wäre nicht nötig. Das war nur, um meine Seele ein bisschen zu erwärmen. Ein bisschen Kraft um eine allerletzte Sache zu schaffen, die ich weder für heldisch noch zaghaft hielt.

Ich dachte, dass ich doch einen Empfänger auf dem Umschlag schreiben sollte, damit die Notiz nicht ungeachtet wurde. Aber keiner fiel mir auf. Außerdem musste ich unterschreiben. Ich öffnete den Umschlag und las die Notiz, um den Zweifel zu lösen.

Der Alte war gut in seinem Beruf. Es wäre ungerecht und gemein, dass ich jetzt hier versuchen würde, die Note nachzuschreiben. Ich werde nur sagen, dass er auf diesem Text mein Leben, meine Träume und Enttäuschungen, meine hoffnungsvolle Vergangenheit und meine schwarze Zukunft sammelte und das alles in Tinte, Schrift und Worte verwandelte. Der Schreiber kannte mich fast gar nicht, aber diese Note war wie ein Abdruck meiner Seele. Ich wurde geschwindelt, versuchte erfolglos zu schreien, und endlich weinte mit schmerzhaftem Hals, wie ich nie zuvor weinte, wie ich lange vorher geweint haben sollte.

Seither lernte ich besser zu schreiben und las viele Bücher. Das Dorf verließ ich für immer und meinen Schmerz nahm ich mit mir, wie alle machen. Auch den Brief, den ich ein Tag endlich brannte. Wenn ich irgendwann mich verabschiede, mache ich das selber, so gut wie ich kann.

Ein Jahr später starb der alte Schreiber, und mit ihm starb sein Beruf auch. Merkwürdigerweise hinterließ er kein Schreiben: weder Abschiede, noch Tagebuch, noch Testament. Vielleicht fand er nicht die richtige Worte für sich selbst, die ihm für die andere so leicht auffielen. Oder dachte er sich, dass alles bei ihm in Ordnung war und Worte überflüssig wären. Besser so.


Vorstellung des Buches “Passages”

PassagesUm zu feiern die 60 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Regensburg und Aberdeen (Schottland, UK) haben beide Städte ein Schreibwettbewerb veranstaltet. Zehn Texte von Autoren von jeder Stadt wurden ausgezeichnet. Diese zwanzig Texte (Gedichte und Kurzprosa, zehn aus Bayern, zehn aus Schottland) entstehen das zweisprachige Buch (auf Englisch und Deutsch) “Passages“, von Vulpes verlegt. Shane Strachan (Write Aberdeen) und Helen Stellner als Übersetzerin haben das ermöglicht.

Mit grosse Freude wurde mein Beitrag ausgezeichnet und im Buch veröffentlicht: die Kurzgeschichte “Zurück” (“Due Back”, auf Englisch), von mir ursprünglich auf Deutsch geschrieben (und wieder mit der Hilfe von Elisabeth Geitner). Und grosser war noch die Freude, wenn ich im Mai zu Aberdeen eingeladen wurde und mit Lena Dirnberger, andere Gewinnerin, unsere Stadt in Schottland vertreten haben und unsere Texte bei der Buchvorstellung bei der May Festival vorgetragen haben. Wir beiden werden die Gastlichkeit von Shane, Helen und co. und der Stadt Aberdeen nie vergessen. Darüber habe ich im Blog berichtet (Crónicas escocesas). Es steht auf Galicisch, aber wenn man nicht versteht, die Bilder kann man schauen. Auf Deutsch hat Lena auch darüber erzählt. Auch Shane Strachan, diesmal auf Englisch.

Jetzt ist die Zeit, dass die Band in Regensburg auch vorgestellt wurde. Das wird am 29. September in der Stadtbücherei (Thon-Dittmer-Palais, Haidplatz 8) stattfinden. Ihr seid alle eingeladen. Aber leider werde ich nicht dabei sein. Ironischerweise, war ich anwesend in Schottland, aber dasselbe schaffe ich nicht in meiner Stadt. An diesem Tag bin ich in Ausland. Allerdings wäre es toll wenn ihr kommt. Es wird bestimmt spannend und gute Texte werden vorgelesen, dabei meiner. Im folge darunter, mache ich copypaste von der Nachricht der VHS Regensburg, mit den ganzen Kleinigkeiten zur Event.

Viel Spass! Danach musst ihr mir darüber erzählen!

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Link: https://www.regensburg.de/veranstaltungen/detail/138426

Passages-New writing from Aberdeen and Regensburg.

Dieses Jahr feiert die Städtepartnerschaft zwischen Regensburg und Aberdeen ihr 60-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass ist das zweisprachige Buch “Passages” mit Kurzprosa und Lyrik von Autoren aus beiden Städten erschienen.
Die im Buch veröffentlichten Geschichten der Aberdeener und Regensburger Bürger zeigen die Einzigartigkeiten beider Städte ebenso wie die Gemeinsamkeiten.

Buchvorstellung: Dienstag, 29.09., 19:15 Uhr

Ort: Thon-Dittmer-Palais, Haidplatz 8, Lesehalle der Stadtbücherei (Vordergebäude, 1. OG)

Der Band ist auch ab sofort für 9,00 € in der Stadtbücherei am Haidplatz oder beim Service-Team der vhs erhältlich.


Die Belagerung

„Die Großstadt hat uns erreicht“, sagte der Oberbürgermeister.
„Schon erwartet, Erhard“, antwortete Jakob, sein Freund und ehemaliger OB.
Erhard hatte Lust zu weinen, aber er verdrängte seine Tränen. Er musste zugeben, dass sein Freund Recht hatte. Die Großstadt belagerte Regensburg und man konnte mit ihr nicht handeln. Es gab einfach nichts mehr anzubieten.
Der OB blickte auf den Salzstadel und zu den Turmspitzen des Domes hinauf. Alles dekadent und ungepflegt, aber trotzdem noch schön. Obwohl noch immer dieselbe Donau unter der Steinernen Brücke floss, waren die glänzenden Zeiten nur noch eine Erinnerung.
Die Männer drehten sich um und blickten zu dem nördlichen Anfang der Brücke zurück.
„Schau. Stadtamhof existiert nicht mehr“, bemerkte Jakob.
Wo sich dieser malerische Stadtteil einst befand, verbreiteten sich jetzt überall graue Gebäude und Fabriken. Die Großstadt lag schon vor der Tür. Regensburg besaß nur noch die Altstadt und den Stadtpark. Eine Belagerung ohne Armee, ohne Krieg.
Es gab kein Berlin, München, Rührgebiet oder Schwarzwald mehr. Nur dieselbe abscheuliche, riesige, unmenschliche Großstadt, mit ihren hohen Wolkenkratzern, Einkaufszentren und zahlreichen miserablen Slums, breiter als Deutschland damals war. Ein Monster, das keine Grenze kannte, von der Nordsee bis zum jenseits der Alpen. Nur ein Dutzend Freistädte wie Regensburg verblieben, aber auch nicht mehr lange.
Die zwei Freunde verließen die Brücke Richtung Altstadt.
„Aber sie müssen die Verträge respektieren“, behauptete Erhard.
„Die alten Verträge zwischen der Großstadt und den Freistädten sind wertlos“, antwortete Jakob.
Politiker waren nicht mehr wichtig, dachte Erhard. Stattdessen regierten nun die Bauausführenden und Spekulanten. Die Metropole schrieb ihre eigenen Gesetze. Ihre Sehnsucht war unabhängig der Menschen, die in ihr wohnten.
Einsame Straßen, uralte schmutzige Häuser und teilweise eingestürzte Türme begleiteten den Spaziergang der zwei Männer. Fast alle Regensburger waren geflohen. Die Stadt war seit langem isoliert, ohne Zukunft. Nur die alten Geschichten blieben.
Erhard und Jakob kamen bei den Ruinen der Neupfarrkirche an.
„Wie traurig, Jakob. Alles auf dem Boden verstreut!“, äußerte Erhard.
„Erhard, vergiss nicht, dass unsere Vorfahren hier die Juden vertrieben und schlachteten“.
„Ich vergesse es nicht, aber in meinem Regensburg, damals, war jeder willkommen“.
„Du sollst aufgeben, Erhard. Aber Regensburg könnte als geschützter Geschichtenpark inmitten der Metropole bleiben. Wenn du kapitulierst“, meinte Jakob.
Erhard seufzte. Er war nicht erstaunt, als er das von seinem Freund hörte. Auch nicht als Jakob eine Pistole auspackte und auf ihn zielte.
„Ich weiß seit langem, dass du ein Verräter bist, mein lieber Freund. Aber schau bitte erst hinter dich“.
Jakob drehte sich um und entdeckte den Brand. Riesige orange Flammen und schwarzer Rauch stiegen vom Bismarckplatz, nicht fern von ihnen auf.
Erhard folgte:
„Regensburg verdient ein würdiges Ende. Lieber verbrannt als von eurer Großstadt gefressen und abgerissen“.
„Erhard…“
„Baut eure Stadt auf den Aschen, Jakob. Aber vorher, mach mich weg. Ich will das niemals sehen“.
Jakob schoss aber nicht. Er schmiss die Waffe auf den Boden und stand neben seinem Freund.
Die beiden starrten stille an die Flammen und warteten.


Die letzte Wochen nahm ich an dem Schreibkurs von Rolf Stemmle teil. Das machte wahnsinnig Spaß und empfehle ich jedem gerne. Übrigens organisierte Rolf eine Lesung am 14. Mai und ich habe den Text “Frau Mauer” vorbereitet. Aber ich konnte es nicht da sein und das vorlesen, weil ich etwas krank wurde. Damit alle diese Arbeit nicht umsonst gemacht wurde, veröffentliche ich das hier. Ich hoffe, dass es euch gefällt. Original auf Galicisch, “A señora Mauer”, kann man in der online Magazin “Palavra Comum” finden, hier. Da der Text auf Deutsch vorgelesen werden sollte, ist die Übersetzung hier vorhanden auch etwas verkürzt und vereinfacht in vergleich mit dem Original auf Galicisch.


Frau Mauer

 (Ich muss unbedingt bei Elisabeth Geitner mich herzlich bedanken, dass sie diesen Text so zärtlich und gründlich korrigiert hat) 

Frau Mauer dachte nach. Auf dem Katholischen Friedhof wurde es dunkler und die Kälte begrüßte ihre alten Knochen. Die Dame machte ihren alten Mantel zu. Sie sollte einen neuen kaufen, aber nicht in diesem Herbst, die Rente erlaubte ihr keinen Luxus.

Das Haus… das selbe Problem wie mit dem Mantel. Es war zu alt und brauchte eine Sanierung. Der Vorschlag ihres Sohnes: die Wohnung zu verkaufen und in ein Altenheim einzuziehen. Den Stadtteil verlassen. Niemals!

Der Katholische und der Evangelische Friedhof lagen nebeneinander. Die Gläubigen anderer Religionen und sogar die Atheisten wurden auf dem Katholischen Friedhof begraben. Das hieß, dass ihr Sepp jetzt Muslime und Kommunisten als Nachbarn hatte. Im Leben würde er das nie ertragen, aber der Tod macht uns alle toleranter. Vor dem guten Gott sind wir alle gleich. Wenn Gott auch nicht tot ist. Frau Mauer bekreuzigte sich und entschied sich, diese Blasphemie zu vergessen.Sie stand schon ziemlich lange vor dem Grab ihres Sepps und war eine von den letzten Besuchern des Friedhofs. Es schien als sie beten würde, aber seit Monaten hatte sie keine Lust mehr dazu. Die einst so eifrige Katholikin war müde. Die heilige Messe, die sie jeden Sonntag in der Wolfgangskirche besuchte, war nicht mehr als eine Routine. Frau Mauer war hoffnungslos und müde, müde von der Zeit, die so langsam verging. Müde von allem.

Die Dame räumte die Blumen von dem Grab ein bisschen auf und streichelte den Grabstein. „Auf Wiedersehen, Joseph. Wir sehen uns bestimmt bald wieder“, sagte sie, leise. Sie verließ den Friedhof und ging langsam nach Hause. Ihre Wohnung war nur ein Paar Straßen entfernt, das war von Vorteil, so konnte sie ihren Sepp jeden Sonntag zu Fuß besuchen. Aber dieser Gang wurde immer länger und mühevoller für ihre neunundachtzig Jahre alte Beine. Sie hatte auch keine Eile. Daheim wartete niemand auf sie. Ihre Straße war ruhig und hübsch, jedes Haus war in einer anderen Farbe gestrichen. Frau Mauer erreichte ihr altes gelbes Haus, es stand zwischen einem roten und einem blauen.

Es fehlte noch eine letzte Hürde bis sie wieder in ihrer Wohnung war. Frau Mauer stieg langsam die Treppe bis zum ersten Stockwerk hoch, es gab keinen Aufzug. Sie öffnete die Tür und ging erschöpft ins Wohnzimmer. Die Dame fiel müde in ihren alten Sessel. Leichte Sonnenstrahlen sickerten durch die Vorhänge. Dieser Herbst war mild. Aber sie wusste, dass bald der Winter kommen würde. Für eine alte Frau sind Schnee und Kälte immer schlechte Nachrichten.

Dort sitzend, dachte die Dame weiter nach. Sie schaute sich in ihrer Wohnung um, sie konnte noch gut sehen, die Brille brauchte sie nur zum lesen, aber sie las immer weniger. Ihre Augen trafen nur alte wertlose Dinge. Um die Reinigung musste sie sich zum Glück nicht mehr kümmern. Ihr Sohn bezahlte eine arabische Putzfrau die einmal wöchentlich kam.

„Warum bist du weggegangen, Sepp“, fragte sie in die Stille. Nach fünfzig Jahre langem Zusammenleben war es schwierig, über Liebe zu reden. Die Freuden aber auch der Kummer, den sie gemeinsam überstanden, bauten eine eisenstarke Bindung zwischen ihnen auf. Nun blieb nur dieses leere Loch, diese Abwesenheit.

Frau Mauer erinnerte sich an Margarethe Blechbauer. Margarethe war die vorletzte ihrer Freundinnen und Nachbarinnen. Sie starb letzten August. Übrig blieb nur noch sie und ihre Freundin Dagmar. Dagmar wohnte in einem Seniorenheim in der Vorstadt. Es heißt, dass Dagmar ihre eigenen Kinder nicht erkennt wenn sie zu Besuch sind. Bei dem Gedanken an den Zustand ihrer Freundin musste Frau Mauer weinen.

Abgesehen von Margarethe und Dagmar, verlor Frau Mauer zu den anderen (Gudrun, Waltraut, Hildegard, Sophie…) den Kontakt. Das war das Schicksal von Menschennamen: in einem Grabstein graviert zu werden, und dann mit der Zeit die Namen vergessen, alles vergessen.

Frau Mauer hatte auch einen Name, Herta. Was hatte sie noch? Sie hatte zwei alte Appartements, dieses und noch ein leeres über ihr, welches ihr Sohn vermieten wollte. Sie hatte einen Sohn, sehr liebevoll, aber auch viel beschäftigt, er wohnte im Norden des Landes. Außerdem hatte sie noch eine Tochter, dieser Gedanke schmerzte sie am meisten. Seit Jahren wusste Frau Mauer nichts mehr von ihr. Außerdem litt Herta laut den Ärzten auch an Artrose, hohem Blutdruck, einem schwachen Herz, Appetitlosigkeit, Haarausfall, chronische Bronchitis und Schlaflosigkeit. Nichts besonders eben in ihrem Alter.

Allerdings stimmte das allerletzte nicht. Sie log den Arzt an: sie sagte ihm, sie könne nicht mehr schlafen, damit er ihr Schlafmittel verschrieb. Er warnte sie jedesmal in ernstem Ton: „Nicht mehr als eine halbe Pille pro Nacht, Frau Mauer. Sollte das nicht funktionieren, kommen Sie bitte nochmal zu mir“. Sie hatte die Schachtel in der Hand. Fünf Pillen wären genug, überlegte sie, um diese Sinnlosigkeit zu beenden, diese Zeit, die keine Zeit mehr ist, dieses Gebet zu einem toten Gott. Alles wäre vorbei, es gab nichts mehr zu erwarten außer die Einsamkeit und den Tod. Sie würde ihren Sepp wieder sehen, und auch Margarethe und Dagmar und die anderen alle. Alle jung und hübsch, wie für einen Ball gekleidet und nicht mehr alt und krank.

Wenn überhaupt. Vielleicht gab es das Jenseits ja auch gar nicht, dachte Herta, das war sogar sehr wahrscheinlich. Das Nichtsein, dunkel und leer. Herta akzeptierte das. Für diese Möglichkeit war sie auch vorbereitet. Sie bekreuzte sich und schenkte sich ein Glas Wasser ein.

Niemand würde ihre Todesursache genauer untersuchen. Die Alten machen keinen Selbstmord mehr. Sie sterben einfach. Herta halbierte ihre fünf Pillen und fing an sie zu schlucken. Als es klingelte, fehlten ihr nur noch drei halbe Pillen.

Herta blieb still. Sie erwartete niemanden und ihr Sohn konnte es auch nicht sein. Wer war es dann? Sie wartete eine Weile und stand dann trotzdem auf um die Tür zu öffnen.

Ihr gegenüber stand ein unbekannter Jung. Dunkle Haare, dunkle Augen, Augen wie eines freundlichen Tieres, Bart, mitte Zwanzig.

„Guten Abend… Frau Mauer?“, fragte er höflich.

„Bin ich. Was wollen Sie?“

„Mein Name ist Xián“, stellte er sich vor. „Ich komme wegen der Anzeige“.

Die Witwe hatte Lust, die Tür einfach zu schließen, aber sie war neugierig und fragte:

„Welche Anzeige?“

Der Junge versuchte sich verständlich zu machen, doch seine Worte die er kannte reichten ihm nicht. Er redete mit einem sympathischen Akzent, aber sein Deutsch war sehr gebrochen und fast unverständlich. Dann zeigte er Frau Mauer ein Stück Papier. Er wollte das Appartement über ihr anschauen. Die Anzeige war echt: der Sohn stellte die obere Wohnung zum vermieten. Er hatte bereits alles organisiert.

Die Dame atmete aus und führte den Ausländer schweigend und langsam die Treppe hoch zu dem oberen Appartement. Die Besichtigung war kurz, es gab nicht viel anzuschauen. Die Wohnung war zwar wesentlich älter als ihre, aber sauber und ordentlich: ihr Sohn schickte im voraus bestimmt die arabische Putzfrau. Der junge Besucher, der sogenannte Xián, stellte keine Fragen und sah zufrieden aus. Aber Herta erinnerte sich an die Schlafmittel in ihrem Magen.

Sie fragte den Ausländer, woher er kam.

Und dann redete er über ein Land im Süden, das sie bisher immer mit Sonne und Stierkämpfen identifiziert hatte. Aber der junge Mann mit den glühenden Augen, redete anstatt von grünen Wiesen und Regen, über das Meer im Westen, über die Wellen und das Fische fangen, zumindest versuchte er es so mit seiner primitiven Sprachfähigkeit. Doch Meer und Land konnten das Volk nicht mehr ernähren und so ging er nach Bayern.

Das Meer. Sie hörte das gerne. Sie würde gerne mehr darüber hören.

Der Ausländer fragte noch, ob er das Appartement sofort nehmen dürfte. Er trug einen Rucksack bei sich. Wahrscheinlich war das jetzt alles, was er in diesem Land besaß.

Die alte Witwe ärgerte sich über den Ausländer, ihren Sohn, ihren Sepp und über alle Lebenden und Toten. Dann seufzte sie und sagte zu dem Jungen:

„Xián, hör mir zu, hab keine Angst, du kannst die Wohnung haben. Kein Problem. Ich werde mit meinem Sohn reden. Alles klar, no problemo, verstehst du? Aber jetzt du musst du ein Taxi rufen, verstehst du?“, und sie machte eine Pantomime, in der sie telefonierte. „Taxi, Telefon, und bring mich zu dem Krankenhaus, Taxi, Telefon, „Hospital“, Doktor, verstehst du?“, Xián sah schockiert aus, „Also jetzt. Alles klar, hab keine Angst. Telefon, Taxi, Krankenhaus. Bitte. Los“.

Der neue Mieter schwieg eine Weile. Dann, nervös und eilig, packte er sein Handy aus und wählte eine Telefonnummer, während er die Dame mit große Augen anschaute.

„Braver Junge, Xián, vielen Dank. Wir werden gut miteinandern klarkommen. Du wirst mir weiter vom Meer erzählen. Ich setze mich hier her und warte“.


Diese letzte Wochen habe ich bei dem Kreative Schreibwerkstatt der Volkshochschule Regensburgs versucht, direkt auf Deutsch zu schreiben. Gestern die Teilnehmer dieses und anderer Werkstätte haben eine Lesung bei dem KUSS Künstlerhaus durchgeführt. Das war so ein angenehmes Erlebnis! Ich habe drei von meinen Texten vorgelesen: “Stillleben” und “Worte“, direkt auf Deutsch erfassen (eine Herausforderung für mich) und “S.O.S.“, aus Galicisch übersetz, der mein Kurzgeschichten Buch “Podería falar de nubes” (Ich könnte über Wolken reden) eröffnet. Meine Fähigkeit auf Deutsch ist begrenzt, aber ich hoffe dass sie euch gefallen. Und natürlich muss ich mich bei der Autorin, Dozentin des Werkstatts und Veranstalterin der Lesung von Gestern, Sabine-Eva Rädisch, die so viel mir angelernt habe und die Texte geduldig und sorgfältig korrigiert hat. Danke! Eine Paparazzi hat das Bild bei der Lesung aufgenommen.


Stillleben

Der Maler versuchte sich zu konzentrieren. Er versuchte es wirklich. In der Mitte seines Ateliers befand sich eine Obstschale mit Bananen, Ananas, Maracujas und anderen Früchten, deren Namen er nicht kannte. Ein tropisches Stillleben malen. So lautete der Auftrag. Einen Haufen komisches Obst malen. Und er konnte es nicht, seine Gedanken flogen einfach davon. Schwäne an der Küste. Man sagt, dass der Schwan nur singt, wenn er stirbt. So ein Quatsch. Er dachte, dass er lieber Schwäne am Meer malen würde. Dort wollte er sein, am Meer mit den Schwänen, mit Musik tanzen und fliegen, obwohl Schwäne theoretisch nicht fliegen konnten und Maler auch nicht. Nicht für Geld malen und zeichnen, oder wenigstens nicht immer. Er schaute noch einmal die weiße Leinwand an und das blöde Obst, Mangos und Papayas und Ich-weiß-nicht-was. Nichts davon war blau, und genau das war die Farbe, die er ausgewählt hatte. Blauen Hintergrund und Wellen malte er, damit die Schwäne darauf schwimmen konnten. Aber Moment mal. Gibt es überhaupt Schwäne am Meer? Sind sie nicht Flusstiere?


Worte

Neulich hat uns Sabine gefragt, aus welchen Worten unsere Sprache gebaut ist. So eine wunderschöne Frage. Eine vernünftige Antwort würde für ein ganzes Buch reichen. Ich habe die Worte meiner Sprache gesprochen, diese fast verschwundenen Worte, die meine Mama verwendete, von meiner Oma geerbt. Diese Worte werden mit der Zeit verschwinden, auch meine geliebte galicische Sprache wird vielleicht noch zwei Generationen halten. Aber nun sind diese Bausteine meiner hierzulande unbekannten und unverstandenen, fremden und geheimnisvollen Sprache mein Schatz und ich bewahre sie in meinem Inneren. Ich erinnere mich auch an die Worte des Jugend-Stadtjargons, als ich mit den Kumpels auf der Straße saufen war, lachend und grölend, mit Ein-Liter-Bechern Schnapsmischung in der Hand. Worte, die nun peinlich auszusprechen sind, und es ist schmerzhaft zu gestehen, dass diese Zeit, diese Kumpels längst verschwunden sind. Aber die Worte sind noch da. Nicht mehr auf der Straße, sondern in meinem Kopf. Mit dreißig sollte man sein Leben ein bisschen ordnen und zu leben anfangen, wie „man leben soll“. In meinem Fall war das anders: Ich wanderte aus, und ich brauchte neue Worte, all die Worte, die ich in diesem neuen Land hörte, die keine verständliche Worte mehr waren, nur Geräusch. Die neuen verstandenen Vokabeln, und inzwischen die neuen Dialekte und Akzente, sind schon ein Teil von mir, aber auch das unverständliche Geräusch, das dichte Murmeln, das mich lange begleitet hat, gehören zu meiner Sprache und meinem Gedächtnis. Ich hatte Sehnsucht nach den neuen Worten. Ich brachte auch meine alten Worte mit und zeigte sie herum, aber keiner war interessiert. Das Wort „Wortschatz“ war auch ein neues, wertvolles Wort. Wie Arbeitsamt. Bewerbung und Bewegung. Absage und Versagen. Fremd. Ausländer. Integrieren. Heimweh. Vorfreude. Enttäuschung. Liebe und Unliebe. Fremdenhass. Helles und Weizen. Und keine Weißwurst nach 12 Uhr bestellen. So hat man es mir gesagt. Fließende Worte und Buchstaben, aus denen Städte und Schlösser gebaut werden können. Aber auch Mauern und Gefängnisse. Ich versuche all diese Worte, Sätze und Geräusche zu behalten, manchmal kriege ich das hin, manchmal nicht. All die Worte vom kalten neuen Land und von diesem Kerl, der ich nicht mehr bin, und von Kneipen und Pfützen auf der Straße, von Regen und Schnee. Die Worte meiner Oma und meiner Kinder, die ich noch nicht habe. Die Worte aus Freude und Schmerz, die Worte die ich morgen lernen werde. Von dieser deutschen Sprache, die langsam das „Fremd“ von „Fremdsprache“ verliert. Leben ist aus Worten gebaut. Und aus Erinnerungen. Vielleicht sind beide Sachen dasselbe.


S.O.S

Der sogenannte Robinson, lass ihn uns so nennen, macht verzweifelte Zeichen in Richtung eines fernen Frachtschiffes. Das erste Schiff, das er sieht, seit er vor fünfzehn Jahren diese einsame Insel erreichte. Er macht Feuer auf dem höchsten Felsen und sendet Lichtzeichen mit einem alten zerbrochenen Spiegel, einem Erinnerungsstück seines eigenen Schiffbruches. Das Schiff ist im Gegenlicht vor dem Sonnenuntergang am Horizont zu sehen. Robinson bewegt die Arme und schreit. Er erkennt seine eigene Stimme nicht wieder. Seit vielen Jahren hat er sie nicht mehr benutzt. Während das Schiff langsam weiter fährt, erinnert sich Robinson an die Erlebnisse auf der Insel. Er war der einzige Überlebende des Untergangs der Eloïse. Nachdem er das Ufer erreicht hatte, wurde er der erste Siedler auf diesem grünen Flecken inmitten der blauen Weite. Nun versucht er sich zu erinnern an damals, an seine Frau und seine Familie, an seine Arbeit und den Alltag, aber er kann nur daran denken, dass er im Wald nach den Fallen sehen muss, dass er das Hüttendach reparieren sollte oder etwas Holz sammeln, um den Fisch zu braten. Er kämmt seinen wilden Bart. Fünfzehn Jahre mit einem einzigen Gott: Überleben. Und wie soll er einfach zu seinem vergangenen Leben zurückkehren, als ob nichts passiert wäre. Jene Welt wurde von anderen gebaut, doch diese hat er selbst geschaffen. Das Schiff folgt seinem Kurs und lässt Robinson und seine Insel hinter sich, bis sie sich mit dem Sonnenuntergang vermischt und endgültig unsichtbar wird. Der sogenannte Robinson, lass ihn uns so nennen, schaut in seinen zerbrochenen Spiegel und überrascht sich selbst beim Seufzen – erleichtert.   “S.O.S.”, lange Zeit her, wurde auf die Zeitung “La Voz de Galicia” (hiermit das link) veröffentlicht. Das schöne Bild hatte der Zeichner Xosé Tomás dazu illustriert.   “S.O.S.”, moito tempo antes, fora publicado nos “Relatos de Verán” da Voz de Galicia (aquí a ligazón) e é obra, se non me trabuco moitísimo, do ilustrador Xosé Tomás.